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Mit der Stille im Reinen

 

 

 

 

Der Alltag hält uns gefangen, er diktiert uns, beschäftigt uns. Kaum Ruhe zum nachdenken, runterkommen. Ständig in Bewegung, hetzen wir von Termin zu Termin und versuchen jeder Verpflichtung gerecht zu werden. Schaffen wir das nicht, fühlen wir uns schlecht und unzureichend. Die Eltern, die einen wissen lassen, das es gar nicht schlimm ist, das man es wiedermal verpasst hat den sonntäglichen Anruf zu tätigen. Die Freunde die mit, ja schon gut ist ja wie immer, reagieren, weil man ehrlich war und sagte, das man die nächste Verabredung nicht einhalten kann. Der Partner, der leise anmerkt, das unser abendliches Ritual, einfach zusammenzusitzen und zu reden, nur noch in einer müden Konversation aus ToDoes für den nächsten Tag besteht. Die Katze die unbedingt ihre Streicheleinheiten will und offensichtlich prinzipiell zu kurz kommt. Die Nichte, die dich am liebsten nur noch für sich alleine haben will, weil du ein größerer Bezugspunkt bist, als ihre eigentliche Mama. Die Renovierung des Hauses mit allem was dazu gehört, von überteuerten Angeboten über schlechte Verarbeitungen bis hin zu, dann mach ich den scheiß halt alleine. Der neue Arbeitgeber, der erkannt hat das sein Unternehmen völlig neu aufgestellt werden muss und du wohl die einzige bist, die einen Plan davon hat wie man sowas macht. Das Baby im Bauch, das immer mehr wächst. Das ich spüre mit jeder Faser meines Seins. Ich liebe es und genieße. Mein Umfeld ist toll. Mein Leben ist toll!

 

 

 

Oftmals in meinem Leben hatte ich mit oben genannten Punkten ein richtiges Problem. Ich kam nicht zur Ruhe, nicht mal mehr zum atmen. Der Druck der heutzutage auf einen einprasselt ist Immens. Ständig wird an einem gezogen und gezerrt, man versucht alles schnell und zufriedenstellend zu erledigen, doch fällt man immer mehr auf die Schnauze. Man schafft es nicht mehr. Selbst die kleinen Dinge werden zu überdimensionalen Bergen, die nicht zu bewältigen sind. Wer wie ich in vielen Dingen eine Perfektionistin ist, hat es da nicht einfacher. Tränenreiche, schlaflose Nächte die sich nach einiger Zeit nicht nur seelisch, sondern auch körperlich niederschlagen, sind die Folge.

 

 

Burnout!

 

 

Bewegungslosigkeit in gefühlter Rotation. Emotionaler Zusammenbruch der Seele ohne die Möglichkeit noch etwas zu fühlen. Der absolute Verlust des eigenen Ichs. Keinerlei Vorstellung von der Zukunft,  einhergehend mit dem völligen Fall in das Bodenlose. Abkapselung von sozialem Leben, das nur noch in Netzwerken funktioniert, weil dich da eigentlich niemand sieht. Weil du da die Person sein kannst, die du eigentlich sein willst, nur nicht mehr im realen Leben sein kannst. Welch eine Phrase, welch ein Kartenhaus.

 

Ich habe das alles erlebt und ihr wisst nicht mal, das ihr es auch erlebt habt, mit mir. Das ihr bei mir wart, die ganze Zeit. Manchen von euch habe ich mich anvertraut, aber immer nur so viel, wie ich selbst ertrug preiszugeben. Ich bin stolz. Ich bin stark. Aber ich bin auch Mensch und der Mensch ist schwach. Svenja verstand mich, waren wir doch in einer vergleichbaren Situation. Zumindest fühlte es sich für uns beide ähnlich an. Das war schön. Das war traurig und sehr schlimm. Wunderbar, jemanden gefunden zu haben, der fast das gleiche fühlt. Herzzerreißend. Zu Tode betrübt.

 

 

Als ich sie kennenlernte, hatte ich es gerade geschafft. Ich hatte durch einige mutige und richtige Entscheidungen mein Leben wieder erlangt. Die Hoheit über mein Ich. Über mich. Ich traf Freunde, lernte meinen Freund kennen, der nun Vater meines zukünftigen Kindes ist und habe mein Leben komplett auf links gedreht. Ich wollte das mit Svenja machen. Ich wollte, das sie mitzieht. Ich wollte ihr zeigen das es nicht umsonst ist und ihre Angst, berechtigt aber nicht hinderlich sein kann. Dass sie ihre Angst in Kraft und Stärke umwandeln kann. Ich habe es ihr vorgelebt und sie mit auf diese Reise genommen. Sie hatte es verstanden. Sie war bereit. Dann kam der Unfall.

 

 Ich habe im letzten halben Jahr mehr geschafft als in all den Jahren zuvor. Das musste ich auch, weil ich einiges zum aufholen hatte. Ich musste mir mein Leben neu ordnen und gestalten, damit ich die Chance habe, ein Leben zu führen, das ich mir vorstelle. Als Svenja starb, war ich gerade mittendrin mein Leben umzukrempeln. Meine ganzen Vorhaben waren zu diesem Zeitpunkt schon soweit am Laufen, das ich keine Möglichkeit hatte, irgendwas davon zu bremsen. Das war mein Glück. Wäre das nicht so gewesen, wäre das der Zeitpunkt, an dem ich alles gecancelt hätte. Ich hätte mich wieder zurückgezogen und würde wohl auch heute noch keinen Millimeter voran gekommen sein. Hätte ich meinen Freund und meine Familie nicht, wäre dies wohl trotzdem passiert. Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Die Trauer schmiss mich Jahre zurück gefühlsmäßig. Ich hatte einen Menschen verloren, dem ich mein Herz geöffnet hatte. Nicht BlaBla, sondern so richtig. Mich hat das so abgrundtief hart getroffen, das ich tatsächlich tagelang nicht mal mehr atmen konnte. Ich konnte mich an diese Tage nicht mehr erinnern. Die ersten zwei Wochen nach ihrem Tod, waren einfach weg. Das einzige was ich noch wusste, war das ich unfassbar traurig war. Das war es. Alles was ich noch wusste. Nach und nach kommen die Gefühle wieder, die Gedanken, die Gespräche. Die DM's mit ihrer Schwester. Mein ausrasten in der TL. Das ich einem anderen Menschen den Tod gewünscht habe, weil sie meinte diese Geschichte als Fake abzutun zu können. Das tat mir unendlich leid, weil ich sowas nie machen würde. Ich habe es aber gemacht. Dafür gab und gibt es keine Entschuldigung. Ich wurde zurecht auf Lebzeiten gesperrt. Das ich heut immer noch auf Twitter bin, ist einfach den Menschen zu verdanken die ich hier so lieb gewonnen habe. Ich wollte nicht ohne sie sein. Der Gedanke  war, einen Account zu kreieren, um zumindest mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Das dies nun wieder so ein "großer" Account wird, war so nicht geplant. Ist aber nun auch nicht weiter schlimm, denn ich freu mich ja über all die verrückten die mich lesen. Das es heute noch solche bösen Menschen gibt, die behaupten das Svenjas Tod inszeniert war und Andrea, ihre Schwester und sie ein und die Selbe Person sind,  zeigt in aller Deutlichkeit, wie unfassbar dreist und ekelig Menschen im Internet sein können. Selbst ihre Schwester wurde mitten in ihrer Trauer damit belästigt. Von Menschen, denen ihr heute noch folgt, und deren Tweets ihr faved. Wer das ist, denkt selbst nach. Wenn ich es euch auch 1000 Mal sage, ihr wollt es doch eh nicht glauben. Ist ja euer Twitter. Ich bin da ja immer viel zu pauschal und weil ich, selbst solche Personen nicht an den Pranger stelle, wird mir nicht geglaubt. Dann stelle ich sie in einem anderen Zusammenhang an den Pranger, weil es irgendwann auch mal reicht und es unfassbar müde und traurig macht, das ihr es nicht sehen wollt und was passiert? Genau. Nichts. Warum auch. Ist ja nur Twitter. Bin ja nur eine kleine 25 jährige Bitch, bei der man eh nix zu ernst nehmen sollte. Immer schön Tittchen faven, auch wenn das Kleinkind daneben spielt. Immer schön auf Best Friends machen, auch wenn eure DM's rumgereicht werden wie kaltes Eis an Sommertagen. Immer schön die Tweets faven, die andere dissen und feste behaupten man kenne den Hintergrund gar nicht. Liest aber seit Monaten mit! Merkt ihr selber noch was? Ihr könnt machen was ihr wollt, macht ihr ja eh. Ich ziehe halt meine Konsequenzen daraus. Ist ja schließlich auch mein Twitter. Wundert euch also nicht, wenn ich zu der einen oder anderen Person, etwas mehr Abstand nehme als zuvor. Es ist auch Selbstschutz. Ich hatte und habe es nicht nötig euch anzulügen, oder jemanden schlecht zu machen. Warum auch, so selbstdarstellerisch bin ich nicht, um mir irgendwas aus den Fingern zu saugen nur um im Gerede zu bleiben. Mir ist die Aufmerksamkeit der Masse völlig scheißegal. Mir geht es nur um die Menschen die ich mag und schätze. Solche Menschen wie Svenja, die wenn sie noch unter uns wäre, dem ein oder anderen ins Gesicht spucken würde. Ich würde dahinterstehen und applaudieren. Doch das Schicksal meinte es anders.  So bleibt mir nur eines. Mich daran zu halten was Svenja mir mal sagte: "DU kannst alles erreichen meine süße Juli, scheiß auf die anderen, scheiß auf die Dämonen, du schaffst das, wir schaffen das!" ich schaffe das. Mit ihr und all meinen guten Seelen an meiner Seite. Das ist das was für immer bleibt.

 

 

 

Nun sitze ich da und mache etwas, das vor einem dreiviertel Jahr völlig unmöglich schien und was meinem Blogeintrag den Titel eingebracht hat. Ich sitze hier in absoluter Stille. Allein mit meinen Gedanken. Ich wäre vor einiger Zeit völlig durchgedreht, weil meine Dämonen mich überwältigt hätten. Weil ich das nicht lange ausgehalten habe. Die Stimmen in meinem Kopf, die der Unzufriedenheit, die der ungeklärten Probleme, die der unklaren Zukunft. Ich fühle das. Ich fühle mich und ich fühle mich glücklich. Ich glaube tatsächlich, das ich noch nie zuvor mehr Glück und Zufriedenheit empfunden habe wie heute. Das alles habe ich meinem Mut zu verdanken. Dem Mut, wenn nötig mein ganzes Leben an die Wand zu fahren und neu zu beginnen. Den Mut Menschen denen es ähnlich ging, nicht nur zuzuhören, sondern zuhören zu lassen. Den Mut ehrlich mit mir und meiner Situation umzugehen. All das macht mich zu dem Menschen, die hier sitzt und lächeln kann. Die sich an all den Aufgaben erfreut, die sie früher getötet hätten. Es ist ein Kampf jeden Tag, doch es ist ein guter Kampf. Es ist mein Leben, das ich mir zurückgeholt habe und das mich jetzt auf so viele schöne Weisen  belohnt. Auch wenn es stressig ist und ich oft keine Zeit für Dinge habe, die ich lieber machen würde. So ist es genauso richtig wie es ist. Im Stillen sitzen und mit mir selbst im Reinen sein. Was für ein unfassbares Glück, das ist, kann ich kaum in Worte fassen.

 

 

 

Es ist der 7. Januar 2020

 

 

 

Die Zukunft ist meine!

 

 

 

Unsere, mein kleiner Engel unter meinem Herzen!

 

 

Unsere!

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Momo (Mittwoch, 08 Januar 2020 04:19)

    Hallo Julchen,
    Du berührst mit deinen Worten mein Herz, meine Seele. Ich bin Stolz auf dich, darauf, das ich dich kennenlernen durfte.
    HDL

  • #2

    Bob (Mittwoch, 08 Januar 2020 13:40)

    Danke!

  • #3

    Maggy (Mittwoch, 08 Januar 2020 22:25)

    Ich lese Deinen Blog gerne. Ich hab Dich als sehr liebevollen Menschen auf Twitter kennengelernt. Ja, es stimmt, für viele ist es nur Twitter, aber ich bin froh dass das nicht für alle gilt und das Du und einige andere es zu etwas schönem, herzlichen machen �
    Danke Jules