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Charly (Sneak Preview)

"Hi, ich bin Charly" flötete es der älteren Dame hinter der Glasscheibe entgegen. Mit einem einnehmenden lächeln und wachen Augen, war sie vor ihren Arbeitsplatz getreten. Der Wachmann hinter Charly, schaute sich in üblicher Manier, ernst und pflichtbewusst um. Er hatte alles im Griff und würde nicht eine Sekunde zögern, dies unter Beweis zu stellen. "Hallo Charly, schön dich kennenzulernen. Ich bin Biggie. Bitte packe alle deine persönlichen Dinge hier in das Körbchen, so dass du nichts mehr in den Taschen hast." wies sie freundlich aber bestimmt an. "Okay, kein Problem..!" antwortete die junge Frau und tat wie ihr befohlen. Charly, war 21 Jahre alt, das konnte sie neben dem Namen lesen, meist die einzigen Angaben, die sie erhielt. Charly war eine flippige Natur. Ihre Kleidung war etwas grotesk, aber dennoch irgendwie zu ihr passend. Sie hatte weite und bunte Pumphosen an, ein enges knallpinkes Tanktop  und eine RunDMC Schirmmütze, die sie wie ein Rapper schräg über ihren langen rot leuchtenden Haaren trug. "Hast du noch was in den Taschen?" fragte sie Charly und kam nicht umher, sich ein Lächeln verkneifen zu müssen. Charly war eine liebenswerte, nette und strahlende Person. Ein Mensch, den man sofort ins Herz schloss, schon beim ersten Blick. Schnell schoss ihr wieder ihre Professionalität in den Kopf. Charly war nicht ohne Grund hier. Wer immer hierhinkam, hatte etwas sehr böses angestellt. Man sperrt nicht eine so nette, junge Frau in eine geschlossene psychiatrische Haftanstalt, nur weil man einen Kaugummi geklaut hatte.

 

Man sperrte hier Menschen ein, die über die Grenzen des menschlichen gegangen sind. Menschen, die eine Bedrohung für diese Welt da draußen darstellten. Der äußere Schein trügt, das wusste sie, hatte sie es in den letzten Jahren oft genug erlebt. Selbst die liebsten Menschen, waren in Ausnahmesituationen fähig, wahre Monster zu werden. Bei Charly fiel es ihr schwer und genau das machte ihr Angst, konnte man den Menschen eben nicht in den Kopf schauen. Was auch immer dieses süße unscheinbare Mädchen, mit den leuchtend grünen Augen  angestellt hatte, es war genug um hier zu landen.

 

"Jepp, alles aus den Taschen!" lächelte Charly frech. "Taschen von innen nach außen drehen!" herrschte der Wachmann hinter ihr, was die junge Frau sofort erschrocken ausführte. Es fühlte sich falsch an. Sie gehörte hier nicht her. Sie war zu zart, zu verletzlich für das hier. Doch es lag nicht in ihrer Macht über gut oder falsch zu entscheiden. Sie war schlicht nur die Schleusenfrau. Die Dame, die der letzte Schnittpunkt zwischen dem wahren Leben da draußen und der Hölle hier drinnen darstellte.

 

 

 

Das Körbchen stand in der Wanne und sie zog an dem Hebel, um es auf ihre Seite zu befördern und die Sachen in Verwahrung zu nehmen. "Bei deiner Entlassung bekommst du alles wieder, keine Sorge!" merkte sie freundlich an. Charly kicherte: "Joah, so in 15 Jahren. Ich hab lebenslänglich! Das dauert also ein klein wenig!" sagte sie und wandte sich, geführt vom Wachmann von ihr ab und zur Türe zu. Sie drehte ihren Kopf nochmals zurück und lächelte freundlich:"Hab einen schönen Tag!" die Türe öffnete sich und sie verschwanden hinter der massiven Stahltür. Biggie erschrak, als die schwere Tür laut ins Schloss fiel. "Reiß dich zusammen, verdammt!" flüsterte sie leise vor sich hin. Ihr ging das Nahe und sie konnte sich keinen Reim machen warum genau. Hatte sie doch in all den Jahren so viele Menschen hier kommen und gehen sehen. Junge Frauen, die erst als alte wieder durch diese Tür traten. Ältere, die hier nur noch mit den Füßen voraus raus kamen. Jeder Menschenschlag war hier vertreten. Vom Junkie bis hin zur edlen Geschäftsfrau. Dämonen machen nicht vor dem Lebensstatus halt, ihnen ist schlicht egal, von wem sie Besitz ergreifen. Das alles wusste Biggie, doch war es irgendwie anders diesmal. Bei der jungen Frau sprang ihr Herz an. Und ihr Beschützerinstinkt, wie ihr das zuletzt nur bei ihrer Tochter passiert ist. Dies lag aber auch schon Jahre zurück. Ihre Tochter war bereits erwachsen und hatte so gar nichts mit dieser Charly gemein. Warum also, dieses Interesse, diese Verbundenheit und dieser innere Wille, dieser Frau irgendwie helfen zu wollen? Sie versuchte den Gedanken zu verdrängen und lenkte sich mit Arbeit ab. Sie musste wieder zur Vernunft kommen, es war schließlich ihr Job und sowas gehörte wohl auch dazu.

 

 

 

"ÖFFNEN!" kam über den Funk und Biggie erschrak wiederum, völlig in ihren Gedanken gefangen. Sie schaute auf den Monitor und sah den Wachmann, der bereits vor der Schleuse wartete. Sie drückte den Knopf und surrend öffnete sich die Türe und der Wachmann trat hindurch. Als die Türe wieder geschlossen war, nahm Biggie all ihren Mut zusammen:"Frank, einen Moment mal bitte!" er lief im ersten Moment, ihren Zuruf ignorierend weiter, stoppte dann doch und drehte sich zu ihr um: "Was?" "Diese Charly, welche Sicherheitsstufe hat sie?" fragte sie ihn und sah wie er die Augen verdrehte und mit seine Kieferknochen mahlte. "Rot!! ... War's das?" entgegnete er genervt und drehte ab um sogleich davonzustapfen, ohne eine Antwort abzuwarten. Biggie sank zurück in ihren Stuhl. Rot also. Die schlimmste aller Sicherheitsstufen. Jede Person, die dort untergebracht war, wurde quasi jegliche Menschlichkeit abgesprochen. Dort saßen Vergewaltiger, Kindermörder und Massenmörder. Biggies Atem ging schnell, schneller als ihr selbst auffiel. Alles drehte sich nur um eine Frage: Was musste dieses süße, junge und nette Mädchen angestellt haben, um derart weggesperrt zu werden? Sie würde es herausfinden. Ob sie wolle oder nicht, denn schon jetzt beschäftigte sie sich zu sehr damit, als das es sie je wieder loslassen würde. Bevor sie nicht eine gewisse Klarheit über diese junge Frau erlangt hatte. Sonst würde sie hier noch Jahre sitzen und sich jeden Tag auf neue, dieselben Fragen stellen müssen.

 

Fortsetzung folgt...

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Marcel (Freitag, 28 Februar 2020 13:45)

    Die Geschichte beginnt sehr interessant. bin gespannt wie es weiter geht...