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Charly Teil 2 (Dennis)

 

Dennis

 

 

 

Der kleine Mann hatte es geschafft, er war endlich zuhause. Seit fünf Tagen war er unterwegs gewesen und hatte nur gearbeitet, so gut wie nicht geschlafen. Er war müde und erschöpft, doch der Gedanke, an seine Frau und die Kinder, gab ihm nochmal einen Energieschub.


Am Montagmorgen hatte er früh, noch bevor alle aufwachten das Haus verlassen. Er konnte sich nicht einmal verabschieden. Nur ein Zettel hinterließ er, auf dem er eilig ein Herz malte und in fliehender Schrift noch ein "Ich liebe euch" gekritzelt hatte. Die Arbeit die ihn erwartete kannte er nicht. Ein Bekannter machte ihm dem Job schmackhaft, indem er ihm so viel Geld versprach, wie andere in einem ganzen Monat verdienen. Das reichte ihm als Ansporn, denn das Geld fehlte an allen Ecken und Enden.

Oft konnte er seiner Familie nicht einmal ein Stück Brot bieten. Er fühlte sich dann immer sehr ungenügend und saß die ganze Nacht über auf dem Boden in der spärlichen Küche und grübelte über sein Schicksal nach. Öfters ging er am darauf folgenden Tag wieder raus in die Stadt, in der Hoffnung einen Menschen mit großem Herz zu treffen. Er wartete vor dem Bäcker oder dem Metzger um sich etwas zu erbetteln. Es war für ihn das schlimmste, doch der Zweck heiligte die Mittel. Er sprach die Leute nicht an, das hätte er sich nie getraut, er wartete immer schweigend mit gesenktem Haupt und offenen nach vorne gestreckten Händen. Die Angst davor erkannt zu werden, beschäftigte ihn sehr, obwohl er wiederum froh war wenn dem doch so war, denn von seinen "Bekannten", bekam er immer noch am meisten. Wenn er wieder Erfolg hatte, wurde das schlechte Gewissen mit jedem Schritt mit dem er näher Nachhause kam weniger. Denn er freute sich zu sehr über die zufriedenen nicht mehr hungrigen Gesichter seiner Kinder, als das er sich weiter kramen konnte. Erst abends wenn alle schliefen, saß er da auf seinem Boden und grübelte darüber nach, wie er und seine Familie den nächsten Tag überstehen sollten. Es war ein hartes Los, als stolzer Mann ohne Arbeit für seine Familie sorgen zu können. Er hatte immer wieder Tagesjobs als Erntehelfer oder wenn er jemandem den Rasen mähen durfte. Doch diese Jobs waren seltener geworden. Die Arbeitslosenquote in seiner Stadt lag bei 70 %. Meist waren Junge Leute davon betroffen und diese wiederum schnappten ihm die wenigen Jobs weg, die ihn früher über Wasser hielten.

Doch ab heute sollte alles anders werden. Der Job der ihm in Aussicht stand war so vielversprechend. Er würde mit vollen Taschen mit essen und Geschenken nachhause kommen. Er würde seine Familie endlich wieder glücklich in die Arme schließen können ohne dieses zernagende schlechte Gewissen, ohne sich über den morgigen Tag Gedanken machen zu müssen. Er freute sich schon so sehr auf diesen Moment. So sehr das er bereit gewesen war alles dafür zu tun. Wirklich alles.

Morgens um 3 solle er an der Kreuzung stehen die das Ende seiner Straße markierte, hatte es geheißen. Auf die Gefahr hin er, würde den Zeitpunkt verpassen, stand er schon eine Stunde früher dort und wartete mit den Händen in den Hosentaschen darauf das es endlich los ging. Es war eine sehr klare und kalte Nacht Mitte November, doch die Kälte machte ihm schon lange nichts mehr. Er war Sie gewissermaßen gewohnt. Der Wind schlug ihm ins Gesicht. Eine Böe die sich wahrscheinlich durch die Häuserfronten durchgedrückt hatte. Ihn fröstelte es doch kurz, aber das könnte auch daran liegen, das dies ganze Unternehmen ein wenig Furcht einflößte. Was würde ihn erwarten? Er konnte sich nicht vorstellen, dass er legal zu so viel Geld kommen könnte. Oder vielleicht ist sein "Kollege" auch nur ein Lügner, der ihn für irgendwelche Dinge benutzen wollte. Er hatte sehr großen Respekt vor dem ihm vorliegenden und hoffte einfach, das die Dinge die da kommen sollten, kein allzu großes Opfer von ihm forderten.


Um 2:32 bog ein schwarzer Minivan in den Weg ein an dem er stand und kam abrupt vor seinen Füßen zum stehen. Er war sehr gespannt in seiner ganzen Körperhaltung. Die Hände zitterten als er sie aus den Taschen zog und zur gleichen Zeit öffnete sich die Seitentür des Vans.

 

Er saß in der Ecke und das Fenster am Ende des Vans zeigte schemenhaft die nächtliche Stadtkulisse ab die sie hinter sich ließen. Sein Bekannter saß im gegenüber und musterte ihn mit den Augen von  oben bis unten. Er sah nicht auf dennoch spürte er seine Blicke, bis er seinen erhob. "Wo fahren wir denn hin? Wenn ich das fragen darf?" Er senkte seinen Blick sofort wieder nachdem er gesprochen hatte. "Frag nicht, du wirst genug erfahren wenn es soweit ist. Und nun still." Sagte ein Mann der im Führerraum des Busses neben dem Fahrer saß. Mehr hatten sie die ganze Zeit nicht geredet. Selbst als der Van vor ihm auf der Straße hielt, ging nur die große Seitentür auf und ein abgehacktes "Los rein!" schlug ihm entgegen. Das innere des Vans war sehr heruntergekommen und erinnerte ihn an eine Wohnmobileinrichtung. Doch das einzige das darauf deutete waren die gegenüberliegende Sitzbänke, die von einem in der Mitte fest angebrachten Tisch getrennt waren. Das Licht war sehr düster, sodass er nur wenig Details der anderen Insassen erkennen konnte. Gegenüber vom ihm saß Karl, der Kollege dem er diese elitäre Runde zu verdanken hatte. Die 2 Männer neben Karl, einer saß links der andere rechts von ihm, waren kaum zu erkennen. Das Licht ließ es einfach nicht zu. Er erkannte nur das sie von der Statur ähnlicher Natur waren wie er und die selbe demütige Haltung eingenommen hatten. Rechts neben ihm selbst, saß ein bulliger Typ der viel zu groß wirkte, um in solch einen Bus zu passen. Er musste schon sehr auf der Kante der Sitzbank hocken um diesen Mann nicht zu berühren.  Dem Mann drückten die Knie so sehr an die Tischkante, dass man jederzeit damit rechnete der Tisch würde nachgeben und unter lauten knacken aus seiner Befestigung gerissen zu werden. Der Traum einer jeden Frau dachte er sarkastisch und das war nur nach dem Geruch geurteilt, der ihm von der Seite erreichte. Denn mehr als das dieser Mann ein Riese sein müsste, konnte er kaum erkennen. Sein "Parfum" war eine Mischung aus Bier, Schweiß und Urin, auf jeden Fall mehr, als eine Dusche hätte bewältigen können, dachte er sich. Es schüttelte ihn, er versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen, auch wenn das gar nicht so einfach war. Es waren wohl alle gescheiterten Existenzen hier im diesem Bus versammelt die auf die Schnelle aufgetrieben werden konnten. So hatte er zumindest den Eindruck. Seine Einschätzung bescherte ihm ein ungutes Gefühl. Eine solche Truppe war zu nicht viel Gutem zu gebrauchen, das war ihm gerade klar geworden. Auch er war ja nicht die Quintessenz der Evolution und hielt sich, sicher nicht für etwas besseres. Die Auswahl dieser Leute hier in dem Bus, war eher das was ihm etwas Sorge bereitete. Doch was blieb ihm in seiner Situation groß weiter übrig, als darauf zu warten, was da denn alles kommen mag und vor ihnen lag. Der Bus fuhr nun merklicher auf einer kurvenreicheren und holprigen Strecke. Karl sah wohl seinen fragenden Blick, doch dieser zuckte auch nur wortlos mit den Schultern. Sie wurden regelrecht durchgeschüttelt und er hatte schwerwiegende Probleme, sich festzuhalten um nicht auf den Riesen zu fallen. Abrupt blieb der Bus stehen. Einer der vorderen Männer stieg aus und die seitliche Schiebetür sprang auf: "Alle raus!" schlug es ihnen entgegen. Gemächlich und unsicher versuchten die Insassen nacheinander auszusteigen, doch die Ungeduld des Mannes an der Türe war spürbar, er presste ein harsches "Schneller!" durch die Zähne und durch die Hektik wurde die ganze Situation unübersichtlich. Er hatte keine Zeit sich die anderen genauer anzuschauen, geschweige denn zu schauen wo sie sich befanden. Sie liefen über einen kurzen Schotterweg zu einer Art großen Lagerhalle, soviel konnte er erkennen, mehr nicht. Die Dunkelheit und die Hektik ließen es nicht zu. Eine Tür wurde von dem Mann vor ihnen geöffnet und blendend weißes Licht strahlte in ihre Augen. Es war als würden sie in die Sonne blicken. In Reih und Glied liefen sie hintereinander in das Gebäude. Die Augen schmerzten, doch gewöhnten sich allmählich an das grelle. Ein langer Flur war zu sehn, weiße Wände, weißer Kachelboden. Alles sehr steril , rein und vor allem kahl. Wie ein OP Saal dachte er kurz. Der Mann lief voraus und öffnete nach weiteren 2 Metern eine Tür auf der rechten Seite. "Da rein!" Sagte er und machte fuchtelte Bewegungen Richtung des Eingangs. Sie liefen nacheinander in den Raum....

 

 

 

Ein heller Raum, kaum überraschend, mit den selben grellen Leuchtstoffröhren bestückt wie der Flur zuvor. Auch hier weiß gekachelter Boden, weiße Wände, alles fast schon zu steril. Wäre hier eine Spinne an der Wand entlanggelaufen, sie wäre aufgefallen wie ein Kaffeefleck mittig auf einem weißen Hemd. Alle standen erwartungsvoll an der Türe und schauten sich um. Viel gab es nicht zu sehen, außer 2 Reihen Stühle zu je 5 Plätzen und ein Stuhl entgegengesetzt stehend, der vor den Stuhlreihen stand und vermuten ließ, das da wohl jemand sitzen würde der was zu sagen hat. Noch waren die Stühle unbesetzt und es machte den Eindruck als würde man noch auf was bestimmtes warten. Der Mann der ihnen die Kommandos gegeben hatte und der Fahrer zogen sich langsam zurück. Warum schlichen die sich davon? Es sah zumindest so aus. Bevor irgendeiner Fragen konnte huschten die 2 Männer aus dem Raum und schlossen hinter sich die Türe. Erst jetzt fiel auf, das gar kein Griff hier innen an der Tür vorhanden war. Nachdem sie sich umgesehen hatten, enddeckten sie eine weitere Tür. Die Türe links hinten an der Ecke der rechten Wand, war zuvor keinem aufgefallen, aber auch diese war ohne Griff. Der etwas bullige Typ, ging sichtlich wütend zu der Türe, durch die sie hereingekommen waren. Er schlug dreimal kräftig mit der Faust dagegen. "He ihr Penner, was soll das? Lass mich sofort hier raus!" Karl lief zu ihm und legte beruhigend seine Hand auf die Schulter des Mannes. Doch dieser schlug die Hand weg, fuhr herum und herrschte Karl an: "Fass mich nie wieder an Freundchen, sonst brech ich dir das Genick." Mit abwehrenden Händen zog Karl sich zurück. "Niemand sperrt mich mehr ein, lasst mich sofort raus, oder es wird euch und den Leuten hier leidtun! Der da ist der Erste! " Mit drohender Faust zeigte er in Richtung Karl. Dieser zuckte ein weiteres Mal zurück und wich noch einige Schritte weiter weg von dem Kerl. Dieser wiederum drehte sich wieder zur Türe um und holte aus, doch der nächste Schlag wurde durch eine ertönende Stimme unterbrochen. 

 

 

"Guten Tag die Herren und herzlich willkommen. Es ist schön das Karl euch alle hier her gebracht hat. Es ist mir ein außerordentliches Vergnügen euch kennen zu lernen. Ich möchte euch nicht noch mehr auf die Folter spannen, aber ich benötige leider noch einige Minuten um ganz bei euch sein zu können. Jerome hat schon recht, eingesperrt sein ist nicht sooo seins. Hat er doch die meisten seiner 44 Lebensjahren im Gefängnis verbracht. Ich kann euch beruhigen. Die Warterei ist gleich vorbei und ihr werdet aufgeklärt. Das organisatorische ist eben eine aufwändige Arbeit . Wartet ab, es wird sich lohnen."

 

 

Alles schauten sich verwundert um. Lautsprecher oder ähnliches war nicht zu erkennen. Die Stimme war sehr freundlich aber auch sehr bestimmt. Sehr selbstsicher und auf eine seltsame Weise vertrauenswürdig. Sie fuhr fort:
"Was euch: Sedric, Mustafa und Dennis betrifft, ihr könnt euch, wie auch die anderen zwei einen Platz suchen und es euch bequem machen. Ich bin gleich bei euch allen und werde sicher, die ein oder andere entstandene Frage beantworten können." Die Stimme verstummte.
Jeder schaute sich fragend um und Dennis war dann der Erste der fragte: "Karl, was geht hier vor sich? Wo hast du uns hingebracht? Wer war das und wieso kennt der unsere Namen?" Karl starrte selbst überfordert und etwas in die Ecke gedrängt in die Runde und sein Blick senkte sich Richtung Boden als er sagte:" Ich..ich bin selbst nur der, der
die Rekrutierung hier, also euch ausgewählt hat. Ich habe euch ausgesucht und natürlich eure Namen weitergegeben. Das war klar gefordert. "Suche fünf Leute und mach mit ihnen Treffpunkte aus. Wir holen sie dann da ab. Alles weitere wirst du erfahren wenn es soweit ist." Hat man mir gesagt. Und das hab ich gemacht!" "Ja aber wer ist er, wer sind die, was wollen die von uns?" fragte es aus dem Hintergrund. Vom Aussehen her müsste es Mustafa sein, der einzige mit etwas dunklerem Teint und einem sagen wir mal typisch türkischem Schnauzbart. "Das weiß ich nicht. Ich hatte nur telefonisch Kontakt. Der eine Mann der uns die Anweisungen vorher gab, den hatte ich vor Wochen kennengelernt. Er hat mir die Telefonnummer gegeben, mit der Aussicht viel Geld zu verdienen. Die restlichen Anweisungen bekam ich über diese Telefonnummer. Ich kenne, wie ihr nur den Fahrer und seine Begleitung. " Gut jetzt sind wir schon mal hier, dann würde ich sagen setzen wir uns und warten wir ab, auf was dieses Schauspiel hier hinausläuft!" sagte Dennis. Der Rest nickte mehr oder weniger zustimmend.

 

 

 

Dennis setzte sich wahllos auf einen der Stühle im der 2. Reihe. Mustafa tat es ihm gleich und setzte sich allerdings mit dem Abstand eines Stuhles neben ihn. "Ich bin Mustafa!" sagte er und reichte Dennis über die Distanz die Hand. "Dennis." Erwiderte er kurz, als er seiner Hand entgegen nahm. Sedric und Jerome setzten sich eine Reihe weiter vorne hin. Allerdings beide mit gehörigem Abstand. Sie saßen beide ganz außen und würdigten sich keines Blickes. Karl blieb einfach zwischen den 2 Stuhlreihen stehen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Es wurde geschwiegen. Jeder starrte nur so vor sich hin und wartete auf das was kommen würde. Dennis machte sich so seine Gedanken. Er dachte über die "Kollegen" nach, mit denen er hier eingeschlossen war.

 

Jerome dem man nicht nur von der Statur her, sondern wohl auch charakterlich, nicht alleine Nachts begegnen wollte. Seine großflächigen Tätowierungen und sein kahl rasierter Kopf, machten das Bild perfekt, von einem zwielichtigem Individuum, das sich eher mit der Faust als mit Worten zu wehren wusste. Er war sicherlich an die 2 Meter groß und hatte Oberarme die an Bodybuilder erinnerten, allerdings war er dafür zu wenig trainiert. Sein altes, graues und verwaschenes (wahrscheinlich ehemals weißes) Shirt, konnte den dicken Bauch kaum eindämmen. Die Schweißflecken unter den Armen, zeugten von einer schlechten Gesundheit, den so warm war es nicht in diesem Raum.

 

 Sedric war so ein Typ den er gar nicht einschätzen konnte, oder auch wollte. Er hatte so ein rattenartiges Gesicht und war ihm von Anfang an unsympathisch. Er traute ihm nicht, er erinnerte in zu sehr an einen typischen Spitzel, so eine Ratte, die selbst seine Mutter für wenig Geld verkaufen würde. Sein ständig verstohlener Blick und sein aufgesetztes falsches Grinsen, das er immer hervor drückte wenn er angesprochen, oder auch nur angeschaut wurde, rundeten seinen Eindruck ab. Er würde versuchen Abstand zu ihm zu halten, soweit wie es ihm möglich war. Sollte es zum Streit kommen wäre er sicher kein Problem aufgrund seiner Körperstatur. Sedric war ca. 1,60m groß und auch ein sehr hagerer Mann. Doch Dennis wusste auch,  das immer die kleinen die gefährlichsten sind, da sie mit allen Wassern gewaschen waren.

 

Mustafa war eher der ruhige Mensch, so zumindest das, was er bisher von ihm kennenlernte. Doch auch ein wenig Temperament schwang immer in seiner Gestik und Mimik mit. Es war ein Herzensmensch, so Dennis erste Einschätzung und bis hierher der wohl ihm sympathischste aus dieser Truppe. An ihn wird er sich wohl etwas halten können. Denn so wenig wie sie hierüber auch wussten, empfand es Dennis wichtig einen Art Verbündeten zu haben und Mustafa , war eben der einzige von allen der dafür in Frage kam.

 

 

 

Karl lehnte immer noch an der Wand. Die Arme vor der Brust verschränkt und versuchte zwanghaft locker zu wirken. Das funktionierte nur bedingt, den ständig fummelte er an seinen Haaren, an seiner Hose und ihm fiel es sichtlich schwer, ruhig stehen zu bleiben. Er war sichtlich nervös. War er das, weil er mehr wusste als er zugeben wollte? Oder war er es weil er wie alle anderen, nicht wusste was ihn erwartet? Dennis konnte diese Frage nicht beantworten, denn dafür kannte er ihn zu wenig. Er lernte Karl vor einigen Wochen kennen, als Dennis wiedermal blank war und dringend was zu essen organisieren musste. Vor einem Bäcker hatte sich Dennis positioniert, um eventuell ein Brot oder ähnliches zu schnorren. Da sprach ihn Karl an und kaufte ihm ein großen Laib Brot. Dennis war ihm sehr dankbar und die beiden kamen länger ins Gespräch. In diesem erzählte Karl ihm, von einen Engagement bei dem er sehr viel Geld verdienen könnte. Und Karl suche gerade noch im Auftrag, nach Leuten wie ihm und das er genau der richtige dafür wäre. Leider könne er selbst zu dem Zeitpunkt noch nicht viel dazu sagen, aber sein Auftraggeber versicherte ihm, das niemandem etwas passieren würde und er, als auch die Leute die er rekrutieren würde, die Aussicht darauf haben sehr viel Geld verdienen zu können. Dennis zeigte Interesse und ziemlich genau eine Woche vor dem heutigen Tag, kam Karl dann zu Dennis und fragte ihn nochmal ob er dabei sein würde. Als Dennis zustimmte, verriet ihm Karl den Treffpunkt und die Uhrzeit. Nun waren beide hier in diesem geschlossen Raum und warteten. Das Dennis ihm aber vertraute konnte er nicht behaupten, dazu war er ein viel zu aalglatter Mensch, er hatte etwas von einem Versicherungskaufmann. Vordergründig nett und zuvorkommend, in Wahrheit allerdings nur auf seinen eigenen Profit aus. Dennis war hier, und das wusste er von Anfang an, erst einmal auf sich alleine gestellt. Darauf war er vorbereitet. Jeder war auf seine Weise, ein eigenes Lebewesen mit Aussehen und Charakterzügen die nicht unterschiedlicher sein könnten. Er wurde nicht schlau aus dieser ganzen Situation. So sehr er auch darüber nachdachte  konnte sich Dennis nicht vorstellen, auf was dieses Unterfangen hinauslaufen soll. Ihm blieb, genau wie den anderen nur übrig zu warten ob all den Dingen, die da noch kommen würden. Nur eines wusste er genau, ein lockeres Papierflieger basteln wird es hier nicht geben. Es wird unangenehm werden, da war er sich sicher, nur die Art und Weise war ihm noch nicht klar.

 

 

 

"Diese Warterei  kotz mich allmählich an und zum saufen oder Essen gibt es hier auch nichts!" Sedric schimpfte mehr vor sich hin, als in die Runde. Recht hatte er allemal, auch Dennis hatte ein knurren im Magen und auch ansonsten war die Warterei nervend. "So langsam könnte echt mal jemand kommen, ey." trug Jerome zu Sedrics Bemerkungen an. " Man bekommt ja den Lagerkoller hier!" Die Ungeduld stieg stetig und man konnte ab einem gewissen Punkt die Anspannung jedes einzelnen spüren. Es reichte langsam und das helle Licht tat sein übriges. Dennis hatte Kopfschmerzen und seine Augen taten ihm weh, da das ohnehin helle Licht durch die weißen Wände und den Boden noch intensiver war. Alle waren davon ähnlich betroffen, das sah man wenn man in die Gesichter aller Beteiligten schaute. "Was denkt ihr, was die von uns wollen?" fragte Sedric, plötzlich in die wieder entstandene Ruhe. "Ich denke, die wollen Medikamente an uns testen oder so'n scheiß!" fügte er schnell hinzu. Mustafa meinte zu wissen: "Das könnte doch auch so ne Organmafia sein oder nicht? Ich hab davon schon mal was gehört, das sind ganz üble Geschichten. Die nehmen dich aus wie ne Weihnachtsgans!" " Da gibt´s n Film wo alle zusammenkommen dann werden sie von Reichen gejagt, der der überlebt hat gewonnen und bekommt die ganze Kohle! Das fänd ich schon ziemlich geil! " meinte Jerome, der sichtlich erregt von dem Gedanken wurde und man glaubte es ihm, dass es ihm tatsächlich gefallen würde, wenn es denn so wäre. "Leute jetzt beruhigt euch mal!" sagte Karl. " Wir können hier wild spekulieren und uns verrückt machen, oder wir warten es ..." ohne Karls Ausführung auch nur eine kleine Beachtung zu schenken, redete Sedric einfach dazwischen: " Wir wurden auf alle Fälle nicht einfach so ausgewählt, es hat bestimmt einen Grund, warum genau wir heute hier sind!" "Ich hab euch ausgewählt du Spacko!" mischte sich Karl ein und weiter: "..und das ohne irgendwelche Vorgaben. Es hat geheißen bring mir 4 Leute und ihr, seid die nächst besten die mir über den Weg gelaufen sind. Ich hatte ja keine Ausschlusskriterien, da ich ja selbst nicht weiß um was es eigentlich geht!" Alle sanken wieder auf ihre Stühle zurück. Das einzige das sie wussten, war das sie eben nichts wussten und verdammt dazu waren zu warten. "Irgendwas krasses wird es schon sein!" sagte Sedric abschließend und resignierend. Dennis hing seinen Gedanken nach. Er lehnte sich zurück und dachte über die Vorschläge der anderen nach. Er selbst hatte keine Ideen beizusteuern, dazu war er viel zu hungrig und außerdem wurden zwei seiner Gedanken schon genannt.  Organmafia dachte er sich schon als sie diese Räumlichkeiten betreten hatten, oder auch Testobjekte für irgendwelche Zwecke. Er dachte an seine Frau und seine Kinder und hoffte ihnen würde es gut gehen. Um sich selbst machte er sich weniger Sorgen. Wie immer eigentlich, kam für ihn erst mal die Familie. Alles andere zählte nicht für ihn, er kam ausnahmslos an letzter Stelle, immer. Nicht das er sich das rausgesucht hatte, er war eben immer schon der kleine, ruhige aus der letzten Reihe. Ihm machte das nie was aus, denn so hatte er immerhin das was er am liebsten hatte. Seine Ruhe.

 

 

Plötzlich ging die Türe auf, allerdings nicht diese wo sie hereingekommen waren, sondern die andere. ein gutaussehender Mann in weißem Arztkittel betrat den Raum, gefolgt von einer jungen Dame, die ebenfalls in Weiß gekleidet und mit Unterlagen in der Hand, dem Mann folgte.

 

"Guten Tag, die Herren. Es ist (Er blickte kurz auf seine Armbanduhr) 9:05Uhr. Ich hoffe sie sind noch nicht zu sehr gefrustet aufgrund des langen Wartens, aber wie bereits gesagt, musste ich noch einige organisatorische Dinge erledigen. Bitte Karl, nehmen sie doch auch Platz wie die anderen." deutete er auf die Stühle. Karl kam der Forderung nach, setzte sich aber ganz außen auf den ihm nächst gelegenen Stuhl. Er sah aus, als wolle er sobald sich eine Möglichkeit ergab, die Flucht ergreifen.

 

 

Der zirka Mitte vierzig Jahre alte Mann fuhr fort, ohne auf das Handzeichen von Mustafa einzugehen, oder auf Jeromes Einwurf:"Gibt's endlich was zu Fressen hier?!". "Ich rede hier nicht lange um den heißen Brei herum, sie sind hier, weil wir etwas spezielles mit ihnen vorhaben. Sie werden, wenn Sie denn einverstanden sind, Probanden für ein neuartiges Medikament werden. Ich möchte ihnen nichts vormachen. Dieses Medikament ist nicht zur Studie freigegeben, das hat mehrere Gründe. Hauptsächlich sind aber die Nebenwirkungen dafür verantwortlich, das sie von der Genehmigungskommision keine Freigabe erhalten hatten. Ja ich sehe schon, die Skepsis wächst. Ich kann ihnen versichern, dass es weder gesundheitsschädlich und schon gar nicht tödlich ist!"

 

 

 

"Was sind dann die Nebenwirkungen?" meldete sich Karl zu Wort.

 

Der Redner holte tief Luft. Man merkte ihm an, das er es nicht gewohnt war Zwischenfragen zu bekommen. Er versuchte so höflich, wie ihm nur möglich zu sein. Man sah ihm aber an wie es in brodelte. Ohne direkt auf Karls Frage einzugehen, redete er weiter:" Das Medikament senkt die Hemmschwelle. ähnlich wie gewisse Drogen, nur mit dem positiven Aspekt, das es keinen Rauscheffekt und zu keiner Abhängigkeit führt. Sie fühlen sich einfach gut und bewegen sich freier. Sie haben weniger Angst. Sie funktionieren beruflich und privat besser. Die einzige Nebenwirkung, die erwähnenswert ist, ist die Müdigkeit. Sie brauchen nach abklingen des Präparates, mindestens 8 Stunden Schlaf." Einige wollten etwas anmerken, doch der Mann erstickte das mit einer erhobenen Hand und einem deutlichen Blick in jedes Augenpaar. Dennis kam sich fast wie zurück in die Schule versetzt. "Das ist der Grund, warum das Präparat abgelehnt wurde. Sie sollten nach dem die Wirkung nachgelassen hat, zum Beispiel kein Auto mehr fahren, oder Maschinen bedienen. Deswegen brauchen wir sie. Wir möchten das Medikament noch feinjustieren und diese Nebenwirkung reduzieren." fuhr der Referent fort. "Was passiert, wenn man die Ruhephase nicht einhält und wie äußert sich das wenn das Medikament nachlässt?" preschte nun Sedric nun doch mutig nach vorne. Die Augen des "Weißkittels" verdunkelten sich und fixierten Sedric. Er kniff die Augen zusammen und antwortete knapp: "Sie werden einfach Müde!" ein kurzes Schweigen beherrschte den Raum. Dennis sah zu Mustafa, der ebenfalls mit fragendem Blick in die Runde schaute. "Diana verteilt nun eine Verzichtserklärung. Wenn sie bei der Studie dabei sind, unterschreiben sie die bitte unten rechts, bitte Diana!" sagte er und ging einen Schritt zur Seite um seiner Assistentin Platz zu machen. Die junge Frau lief unsicher zu jedem Probanden und verteilte an jeden ein Blatt. Dennis bemerkte als er seines ausgehändigt bekam, das Dianas Hand leicht zitterte. Er schaute auf und blickte für einen Bruchteil in ihre Augen. Er war sich nicht sicher, sah er schlicht nur Schüchternheit, oder war es Angst. Es beschäftigte ihn und er war sich fast sicher, es war Angst die aus ihren Augen sprach. Er schaute sich in Ruhe das Blatt an:

 

"VERZICHTSERKLÄRUNG" stand da in Großbuchstaben.

 

Darunter nur zwei Sätze: "Hiermit verzichte ich auf Gegenstände, Forderungen oder Rechtsmittel, die mir ansonsten zustehen. Ich willige vollumfänglich in die Behandlung und möglichen Nachwirkungen ein und stelle mich freiwillig zur wissenschaftlichen Verfügung."

 

 

Am Blattende tauchten noch drei Felder auf: Namen, Datum, Unterschrift.

 

Das war alles, was dieser Wisch hergab und das reichte auch um seine Seele zu verkaufen, dachte Dennis. Mustafa meldete sich zu Wort:"Okay, bevor ich das aber unterschreibe, will ich wissen, was dabei für mich rausspringt?" sagte er und machte eine Gestik mit den Fingern die sein Frage weiter definierte, es ging ihm ums Geld. "Das wiederum ist eine berechtigte Frage. Die Studie geht über 15 Tage. Für jeden Tag bekommt jeder einzelne 1000Euro. Das heißt wenn ihr das durchzieht, läuft jeder von euch mit 15000Euro hier raus!" sagte der "Weißkittel", der plötzlich wieder freundlich lächelte. Doch war sein Lächeln nun falscher. Man sah das daran, wie seine Augen funkelten. Diana hatte derweilen Stifte verteilt und alle um Dennis herum unterschrieben schnell. Dennis haderte noch, er sah sich um und ordnete seine Gedanken. Sein Verstand schrie ihn förmlich an, das nicht zu unterschreiben, doch der selbige schrie auch ins Gegenteil. 15000Euro. Soviel Geld, hatte Dennis noch nie in seinem Leben besessen. Er dachte an seine Familie, drückte auf das kleine Druckknöpfchen an dem Kugelschreiber und unterzeichnete das Blatt.

 

 

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