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Charly Teil 3-Charly

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Der Tag war noch jung, viel zu jung. Kein einziges Geräusch war zu vernehmen. Selbst die Vögel die den Sonnenaufgang mit ihrem Gesang begleiteten, waren noch stumm, da die Dunkelheit noch schwer über dem Campingplatz lag. Schwerfällig stieg sie mit dem ersten Bein aus der Decke und merkte sofort an ihrer nackten Haut den kalten Luftzug und bekam sofort Gänsehaut. Sie fröstelte etwas, doch der Drang eine zu rauchen, war stärker als das verlangen einfach liegen zu bleiben. Außerdem liebte sie es morgens um diese Zeit wach zu sein. Sie genoss die Stille, die in den Morgenstunden herrschte, lang bevor alles zum Leben erwachte. Sie schlüpfte in ihre bequemen Wollhausschuhe und legte sich eine Decke um. Sie wickelte sich komplett ein, so dass nur ihr Kopf aus dem Gebilde herausragte. Sie hob mit der linken Hand die Decke fest an ihren Körper und schnappte sich mit der anderen ihre Schachtel Lucky Strike und verließ den Campingwagen. Die Luft war kühl aber auch sehr klar als sie den ersten Atemzug außerhalb ihrer vier Wände einsog. Der tiefe Atemzug und die frische Luft, ließen sie kurz an der Türe verharren, und mit geschlossenen Augen, das belebende Gefühl genießen, das sie durchströmte. Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Eingang, der von einem kleinen Tischchen unterstützt wurde, auf dem ein Aschenbecher stand. Sie ließ sich gemütlich auf den Stuhl gleiten und zündete sich ihre erste Kippe des Tages an. Sie nahm einen tiefen Zug und lehnte sich entspannt zurück, den Kopf in den Nacken legend, schaute sie über sich direkt in den klaren Nachthimmel und bewunderte das Leuchten der Sterne und wie sie über ihrem Kopf zu tanzen schienen. Eine lange Nacht lag hinter ihr, plagten sie doch wie so oft Albträume die ihr mehr Wachphasen bescherte, als ihr lieb war. Es waren immer die gleichen wiederkehrende Träume, die sie oft auch nicht losließen wenn sie schon wach war und genervt an die Zimmerdecke starrte. Verzweiflung und Resignation spielten sich gegenseitig den Ball zu was sie, wenn sie sich gedanklich damit beschäftigte, fast wahnsinnig machte. Sie war allein und das schon eine ganze Zeit lang.

 

 

 

 

 

Ihre Mutter starb schon früh, da war Charly, gerade mal 10 gewesen. Charly, so nannte ihre Mutter sie immer, schon von klein auf. Ihr eigentlicher Name war Charlotte, so hatte sie zumindest laut ihrem Vater heißen sollen, wie ihr ihre Mutter immer erzählte. Der Vater, den sie nicht kannte. Zweimal hatte sie ihn bisher gesehen, einmal als ihre Mutter starb und ein weiteres Mal, als er im Heim die Freigabe unterschreiben musste, als Charly 18 wurde und somit ab da auf sich allein gestellt war. Beide Male hatten sie nicht viel geredet. Das letzte Mal fragte er wenigstens, wie es ihr geht und ob sie klar kommen würde. Das allerdings auch nur, weil die Dame der Jugendfürsorge daneben saß, so ihre Vermutung. Sie nickte nur, weil sie nicht wusste, was sie diesem ihrem fremden Mann hätte sagen sollen. Dieser Mann, von dem sie die blauen, wachen Augen hatte, das volle und fast lockige blonde Haar und was weiß der Himmel noch alles. Sie hätte ihn gerne Dinge gefragt, Dinge über ihre Kindheit, über Mama und warum er so ein Arschloch ist und lieber eine neue Familie gegründet hatte, als bei ihr zu sein. Doch all das kam in dem Moment nicht über ihre Lippen, nein, sie konnte die Worte nicht einmal in ihrem Kopf in die richtige Reihenfolge bringen. Zu schnell war die ganze Situation vorüber, sodass sie binnen weniger Minuten, schon wieder Abschied nehmen musste. "Mach's gut und pass auf dich auf!", sagte er und strich ihr eine Zehntelsekunde über die Schulter, genug um ihre Gefühlswelt komplett zum Einsturz zu bringen. Ihr schossen die Tränen in die Augen und erst als er im Auto saß und ihr keinen Blick mehr würdigte, erwiderte sie mit brüchiger Stimme:"..ich versuch's!" und sah ihm nach, als er das Grundstück eilig hinter sich ließ.

 

 

 

"Er hätte da sein sollen! Es tut mir leid mein Schatz. Er ist kein böser Mensch, es lag an mir und nicht an dir!", sagte ihre Mama immer wieder. Laut ihrer Mutter waren sie wohl ein verliebtes Pärchen, dass das Leben in vollen Zügen genoss, viel gereist waren sie. Sogar durch Asien und durch die USA, waren sie Backpacker mäßig durch die Länder gereist. Sie lebten den Traum der Unabhängigkeit und der absoluten Freiheit. Nichts konnte sie aufhalten und ihr Glück musste gewaltig gewesen sein. Charly hatte einen kleinen Schuhkarton, voll mit Erinnerungen von sich, aber auch sehr viele Fotos aus der Zeit vor ihr. Wie glücklich ihre Mama auf allen Fotos war. Dieses freie und ungezügelte Lächeln, das ihr auf all den Bildern entgegen strahlte, sah sie selbst nur ganz selten. Nach der großen Weltreise um die Jahrtausendwende, kamen sie nach 8 Monaten wieder zurück nach Deutschland. Mit im Gepäck war Charly. Ihre Mama war auf der Reise schwanger geworden und ab da änderte sich wohl alles. Ihr Vater wollte nicht sein altes Leben aufgeben und verließ sie, noch bevor Charly geboren war. Er wollte frei sein und sich nicht durch die Verpflichtung eines Kindes binden lassen. Das hatte Charlys Mama nie verarbeiten können. Noch Jahre später, da war Charly bereits 4 oder 5 Jahre alt, hörte sie ihre Mama oft Abends weinen. Immer auf dem Bett sitzend und die Fotos von sich und ihrem Liebsten in der Hand. Charly hatte sich oft herangeschlichen und beobachtete die herzzerreißende Szenerie. Ihre Mama hatte sie schon dabei erwischt und obwohl Charly sie einfach nur trösten wollte, schickte ihre Mutter sie, sich selbst hektisch die Tränen wegwischend, wieder ins Bett. So war es immer. Ihre Mutter spielte immer die Starke. Charly wuchs in einer Welt voller Phrasen auf, wie: "Alles nicht so schlimm!", "Wir haben es doch noch gut!", oder auch "Mach dir keine Sorgen, Gott hat einfach einen besonderen Plan für uns!". Letzterer war nach dem Tod ihrer Mama sowieso Geschichte. Es kann keinen Gott geben, denn er würde solch ein Leid nicht zulassen und wenn es ihn doch geben sollte, so wollte Charly ab da nichts mehr von ihm wissen, denn dann war er einfach ein Arschloch, genauso wie ihr Vater.

 

 

 

Ihre Mama starb nach kurzer und schneller Krankheit. Laut den Ärzten, hatte sie einen inoperablen Tumor im Kopf, der unerkannt so groß gewachsen war, das alle Spezialisten machtlos waren. Nach einigen kurzen Odysseen im Krankenhaus, war ihre Mama ihre letzten 3 Monate zuhause bei ihr. Eines Morgens, als Charly in die Schule musste und ihre Mama nicht wie sonst wach war, war es geschehen. Charly wusste, noch bevor sie das Zimmer betrat was sie erwarten würde. Ihre Mutter hatte sie genau auf diesen Moment vorbereitet und ihr klargemacht, dass es unvermeidlich ist. An diesem Morgen ging Charly nicht in die Schul, sondern legte sich zu ihre Mama ins Bett, die einfach so da lag und aussah, als würde sie schlafen. Anfangs dachte Charly das auch tatsächlich für einen kleinen Moment, doch als sie sie berührte und die kalte Haut spürte, hatte sie Gewissheit, das dem nicht so war. Charly lag neben ihr und kuschelte sich an sie. So lag sie den ganzen Vormittag und weinte so sehr, das ihr noch tagespäter der Hals und die Augen wehtaten. Zur Mittagszeit hatte sie wie ihr ihre Mutter aufgetragen hatte, die Notfallkette abgearbeitet. Anruf beim Arzt, bei der Schule und sogar die Jugendfürsorge, hatte sie in Kenntnis gesetzt. "Es muss sich jemand um dich kümmern! Die machen das bestimmt ganz gut, Frau Ebner ist eine ganz liebe Person!" sagte ihr ihre Mama mehrmals und hatte ihr so den "Notfallplan" eingetrichtert, der das weitere Leben von Charly bestimmen sollte.  

 

 

 

Gegen Nachmittag kam dann der Arzt, der im Schlepptau gleich den Leichenbestatter mitbrachte. Der Arzt stellte den Tod fest und übergab dann an den Mann mit dem Leichensack und verschwand, ohne auch nur sonderlich Notiz von Charly zu nehmen. Georg. Bei dem Namen drehte sich bis heute Charlys Magen um. Georg Eidenfeld, so hieß er mit vollem Namen, war das Bestattungsunternehmen hier im Kreis. Er war der typische Einzelgänger mit sonderbarem Touch. Ihm wichen die Leute aus, soweit es möglich war und sie waren froh, nicht unmittelbar mit ihm zu tun zu haben. Das lag natürlich in erster Linie an seinem Beruf, doch leider nicht nur. Er war zudem ein Stadtbekannter Trunkenbold und zusätzlich waren die Gerüchte laut, das er es mit Anstand und Sitte nicht so genau nahm. Die Kinder wurden vor ihm gewarnt und auch Charly vernahm oft Gerüchte, das man als Kind besser einen weiten Bogen um diesen Mann machen sollte. Nun war sie allein mit ihm in dem Wohnwagen, das ihr Zuhause darstellte. Allein mit ihm und ihrer Toden Mutter, die nebenan im Schlafzimmer lag, währenddessen der liebe Georg sich von Charly bekochen ließ. Er bat darum, da er seit Tagen nichts richtiges gegessen hatte und sie ja keine Eile hatten, da die Mutter ja eh schon Tod sei und nicht weglaufen würde. Charly tat wie ihr aufgetragen und bekam als Belohnung einen Nachschlag von Georgs Freundlichkeit zu spüren. Satt und zufrieden, stand er auf und schnappte Charly ohne Vorwarnung an den Haaren, so sehr, das ihr blitzartig die Tränen aus den schmerzverzerrten Augen schossen. Ohne große Worte, zog er Charly hinter sich an den Haaren ins Schlafzimmer und warf sie neben ihre Mutter auf Bett. Charly werte sich mit Händen und Füßen, doch Georg war einfach zu stark. Er riss ihr die Kleider vom Leib und fing an sie überall mit seinen schmutzigen, groben Händen zu berühren. Sie schrie und schaute immer wieder hilfesuchend in das leblose Gesicht ihrer Mutter, während der Mann sie immer wieder zur Ruhe aufforderte: "Sei still, sonst bist du gleich so Tod wie deine Mama!" sagte er immer wieder und widerholte dies im Minutentakt. Charly schrie weiter, denn der Tod machte ihr keine Angst, nur dieser Mann, der ihr weh tat und ohne Rücksicht einfach weitermachte, egal wie laut sie schrie, egal wie sehr sie strampelte und um sich schlug. Doch sie hatte Glück, denn genau in dem Moment, als Georg seine Hose hektisch ausgezogen hatte, klopfte es laut an der Türe. Georg sah sich hektisch um und entdeckte ein Kleidchen von Charly neben dem Bett liegen, das er ihr zuwarf: "Zieh das an! Sofort! Und keinen Ton!" befiehl er im energischen aber flüsternden Ton. Charly zog sich das Kleid über ihren nackten Körper und traute sich kaum hochzublicken. Georg hatte seine Hose wieder angezogen und ging um das Bett zur Leiche ihrer Mutter: "Mach auf! Los!" herrschte er sie wieder an, was Charly sofort umsetzte und aus dem Schlafzimmer zur Eingangstüre floh. Vor der Türe stand Frau Ebner. Charly kannte sie bereits, hatten ihre Mutter und sie im Vorfeld schon einige Gesprächstermine. Charly war erleichtert und freute sich so sehr, das ihr Tränen die Wange herunterliefen. Sie öffnete die Türe und ließ die Frau herein, ohne auch nur ein Wort sagen zu können. "Guten Tag Charlotte! Ihre Mutter ist also endlich Tod. Das wurde auch Zeit, nun kann ich Sie endlich in meine Obhut nehmen und sie aus diesem Loch hier holen! Packen Sie schleunigst  ihre Sachen, ich möchte keine Sekunde, wie nötig hier verbringen!" sagte die Frau in einem ihr unbekannten und sehr herrischem Tonfall. "Husch, husch! Oder brauchen sie eine Sondereinladung? Das sie schlecht hören , ist mir bei den vergangenen Begegnungen nicht aufgefallen, also los!" drängte Frau Ebner sie und Charly gehorchte. "Ah der Herr Eidenfeld! Mir gefällt, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, dann haben sie schon keine Zeit kleinen Mädchen nachzustellen!" stellte sie fest, als sie einen Blick hinter Charly ins Schlafzimmer warf und feststellte, das der Leichenbestatter gerade die Verstorbene in den Leichensack packte. Charly wurde rot und hätte am liebsten laut losgebrüllt. Sie wollte schreien, das er sie angefasst hatte, das sie sich übergeben wolle, dass jemand diesen Mann bestrafen müsse, doch Georg schaute ihr direkt in die Augen und sein Blick sprach Bände. Charly wandte sich ab und stopfte schnell ihr Hab und Gut in ihren viel zu kleinen Koffer. Hinter ihr klatschte Frau Ebner laut in die Hände, sodass Charly erschrocken zusammenfuhr:" Beeilen sie Sich Charlotte, ich habe nicht ewig Zeit für ihre Spielereien! Los, jetzt kommen Sie!" befahl sie und machte 2 Schritte auf Charly zu um ihren Arm zu erreichen. Sie umgriff fest Charlys Oberarm und zog sie in Richtung Ausgang: "Es reicht jetzt, ihre Kleider gehören ab heute eh nicht mehr ihnen, da brauchen Sie keine Auge mehr darauf zu werfen. Alles andere bekommen sie von mir und jetzt los!" zerrte sie und schubste Charly durch die Eingangstüre aus dem Wohnwagen. Vor ihr stand der Leichenwagen und dahinter ein kleines Buschen, auf dem seitlich mit großen Buchstaben das Wort "Kinderheim" aufgedruckt war. Frau Ebner riss die hintere Schiebtüre auf und nahm schroff Charlys Koffer aus ihrer Hand. "EINSTEIGEN!" befahl sie und warf den Koffer in den Fußraum, als wäre er ein Müllsack und sie müsse sich schleunigst davon lossagen. Charly setzte sich auf die Sitzbank und schnallte sich an. Die Frau stieg ins Führerhaus und startete sofort den Motor. Ohne sich selbst anzuschnallen, setzte sie den Bus zurück und fuhren los. Charly blickte zurück und sah noch den Leichenbestatter, der gerade den schwarzen Sack aus dem Wohnwagen zog und der schwer auf den Boden vor im klatschte, als sie um die Ecke bogen und der Wohnwagen und somit ihr Zuhause, hinter den Bäumen verschwand.

 

 

 

 

Die folgenden Jahre, waren die schwersten, die ein Kind ertragen kann. Leider war Charly nicht wohlbehütet, oder in guten Händen geraten, wie ihr ihre Mama versprochen hatte. Frau Ebner war eine ganz andere Person, wie sie sich gab, in den damaligen Gesprächen. Sie war nicht besorgt um die Kinder und das letzte was ihr Anliegen war, war das Wohl dieser. Es ging ihr schlicht und ergreifend nur um den Profit. Das Kinderheim, dass von außen ein tadelloses Ansehen genoss und oft auch als Beispiel herhielt, wie ein solches zu führen war, war in Wirklichkeit ein Gefängnis, in dem die Kinder nur eine n Zweck erfüllten, den Lebensstandard von Frau Ebner und den anderen Führungspersönlichkeiten zu finanzieren. Der Staat subventionierte kräftig, doch das Geld sah in diesem Heim kein Kind, im Gegenteil. Im Keller war die sogenannte "Werkstatt". Hier mussten die Kinder jeden Tag schwer für ihr Essen und ihre Unterkunft arbeiten. Selbst die 2 bis 3 jährigen, bekamen hier schon ihre festen Aufgaben zugeteilt, sobald sie sich nützlich machen konnten. Es wurden Kränze gebunden, Schlüsselanhänger und Traumfänger geknüpft, bis hin zu ganzen Werkstücken, wie Spielfiguren aus Holz, oder Kleidungsstücke die die älteren im Akkord und unter strengster Überwachung produzierten. Meist geschah das bis zum absoluten Leistungslimit, sodass viele Kinder vor Erschöpfung zusammenbrachen oder aber blutend aus allen Fingern, weiterabreiten mussten. Tat man nicht wie einem befohlen, so gab es Essensentzug und körperliche Züchtigungen. Beliebt war vor allem der Pfarrer des Hauses, wenn es um Bestrafung ging. Vor allem die jungen Mädchen wie Charly hatten es ihm angetan. Sie kannte solche Dinge ja bereits durch die Erfahrung, die sie mit dem Leichenbestatter machen musste. Leider war der Pfarrer hier kein Stück besser, nein, Charly empfand ihn noch schlimmer. Rechtfertigte er seine Taten doch immer als "Gottes Wille", oder "Gottes Strafe", in Wirklichkeit, ging es ihm nur um seine eigene Befriedigung. Jedes Mädchen hier im Heim kannte seine Methoden und vermied so gut es geht, anzuecken oder unfolgsam zu sein, leider genügten mit der Zeit schon die kleinsten Dinge, um "Beichten" zu müssen. Charly "beichtete" oft , öfter als alle anderen hier im Heim. Am Anfang dachte sie noch, es lag an ihr und das sie einfach nur unfolgsamer war als die anderen. Ja, sie war der Meinung dies alles verdient zu haben und gab sich selbst die Schuld. Pfarrer Wiedmann bestätigte es ja auch in jeder Zusammenkunft: "Charlotte war wohl heute wieder besonders böse, da braucht es auch eine besondere Bestrafung!" lediglich sein böses Grinsen verunsicherte sie immer wieder. Alsbald kam Charly zur Erkenntnis, das egal was sie anstellte oder auch nicht, am Ende des Tages beim Pfarrer zu landen, wenn er denn nur wollte. Selbst eine runtergefallene Gabel im Speisesaal, war Anstoß dafür, den christlichen Beistand aufzusuchen. Charly wurde von Mal zu Mal abgestumpfter und der Bestrafung wurde Routine. Die Praktiken und Erniedrigungen wurden in all den Jahren immer drastischer. Charly war das irgendwann egal, sie hatte eine Methode gefunden, damit umzugehen und war mit 15 schließlich an einem Punkt angekommen, wo es ihr egal war, was mit ihr angestellt wurde. Sie empfand das als normal und nahm fortan auch kein Blatt mehr vor den Mund. Sie hatte sich zu einer jungen Frau entwickelt und war sich ihrer Ausstrahlung sehr wohl bewusst. Sie lernte bei Lehrern sie einzusetzen. Sie spielte mit ihren Reizen und ging immer mehr in die Offensive. Bald schon verloren die Lehrer und der Pfarrer das Interesse. Sie wollten Charly nicht mehr, da sie ihnen zu "verbraucht" war, wie sie mal zu ihr sagten.  In Wahrheit war sie ihnen überdrüssig geworden, da sie sich nicht mehr wehrte. Sie machte was sie wollten und entwickelte schon fast in Gewisser Weise Spaß daran, so ließ sie es zumindest glauben. Sie ließen von ihr immer mehr ab und orientierte sich fortan wieder an jüngeren, die die sich wehrten, die man zwingen musste, das war wohl wichtiger Bestandteil ihrer Perversität. Charly war das nur Recht, sie hatte den Spieß bereits umgedreht und wusste genau, was sie tun musste um das zu bekommen, was sie wollte. Sie war gewissermaßen zur Anführerin einer kleinen aber beachtlichen Mädels-Gruppe geworden. Die Mädels um sie herum bewunderten sie und schauten zu ihr auf, auch weil sie sie beschützte. Immer wenn jemand aus der Gruppe Scheiße baute nahm sie es auf sich. Ihr machte es nichts mehr aus bestraft zu werden, nein sie genoss es regelrecht. War ihr doch bewusst, wenn sie sich mit ihr beschäftigen, so konnten sie keiner anderen ein Leid zufügen. Zumindest für die paar Stunden, waren die anderen sicher, der Gedanke gefiel ihr sehr und spornte sie an. Selbst als sie sie im Keller an die Wand fesselten und sie benutzen wie ein Tier. Sie erniedrigten und auf sie urinierten und vergingen, lächelte Charly Seelig in ihre Gesichter, die vor Erregung und gleichzeitigem Ekel fassungslos auf sie herabblickten. Charly hatte ihre eigene Welt geschaffen in der ihr niemand mehr was anhaben konnte. Sollten sie mit ihr doch anstellen was sie wollten, selbst der Tod machte ihr keine Angst. Als Frau Ebner sie einmal im Unterricht zur Ruhe aufrief, stand Charly auf und stieg auf den Tisch. Sie riss sich die Klamotten vom Leib und präsentierte allen anwesenden ihren nackten, voller Narben und Wunden übersäten Körper mit den Worten: " Was wollen sie mir noch antun? Mich töten? Sie können keine toten Menschen töten, nur erlösen!" stellte sich breitbeinig auf die Tischkante und urinierte großflächig um den Tisch herum. Frau Ebner verließ daraufhin aufgebracht und schimpfend das Klassenzimmer, begleitet von tosendem Applaus der anderen Mitschüler. Ab diesem Tag wurde das Kapitel Bestrafung für sie zum Lebensinhalt und war fortan, nicht mehr nur eine Sache, die passierte wenn sie was falsch machte, sondern sie wurde alltäglich. Sie bekam ein Einzelzimmer, darin befindlich ein Bett und einer Toilette. Essen gab es einmal am Tag und meist nur die Reste, die die anderen übrig ließen. Ihre Arbeit war es zu putzen. Alles was sie den ganzen Tag machen durfte, doch sie erfüllte alle ihre Aufgaben akribisch und korrekt. Waren sie es, die sie auf dem Boden hielten. Dinge erledigen und erfüllen und sei es nur eine zuvor völlig verdreckte Toilette wieder strahlend weiß zu hinterlassen.  Das die anderen Mädchen zu ihr auf sahen und ihr nach eiferten, gefiel Charly sehr. Sie fand das ihre Art mit diesen Dingen hier drin umzugehen, die einzige war, um hier irgendwie heil rauszukommen. Sich zu wehren ohne sich zu wehren. Ihnen nicht das Gefühl geben, das sie so gern genossen, wenn sie wieder ein Mädchen gebrochen hatten. Ihnen zeigen, dass sie es bereits geschafft haben und es nichts mehr bewirkt, egal was sie auch anstellten, das war für sie das schlimmste. So verloren sie wirklich das Interesse. So gingen die Tage, Wochen, Monate vorüber. Charly wurde stark im Geiste und legte auch körperlich an Kraft zu. Das Essen reichte ihr, auch wenn es an manchen Tagen zu wenig war, so blieb sie Bescheiden und machte das Beste daraus. In den Nächten in denen sie sowieso meist nicht schlafen konnte, las sie all die Bücher aus der Bücherei. Sie stahl regelmäßig welche bei ihren Putzgängen und versteckte sie unter ihrer Matratze. Sie las all die Weltliteratur, selbst die Dinge, die sie nicht verstand, verschlang sie wissbegierig und als sie mit allen durch war, fing sie von vorne an. Das viele anstrengende putzen und die harte Arbeit waren wie Training, es hielt sie nicht nur fit, sondern stählte ihre Muskeln, sodass sie irgendwann selbst vor den großen Männern, keine Angst mehr hatte. Sie konnte sich wehren und das tat sie auch immer mehr, wenn ihr etwas nicht gefiel. Entweder mit Worten, was ihr durch die vielen durchlesenen Nächte mittlerweile mühelos gelang, oder eben körperlich wenn nötig. Sie stritt sich mit dem sadistischen Geschichtslehrer über die Bedeutung von Kafkas Abhandlungen so sehr, dass er nach 2 Stunden hitzköpfiger Diskussion die Segel strich. Oder aber, sie brach dem Englischlehrer, der ihr zu nahe kam die Hand. Einfach so und ohne große Anstrengung. Er hatte ihr zwischen die Beine gefasst, als er neben ihr am Schultisch stand. Sie hatte seine Hand genommen und sie mit zwei Handgriffen umgedreht. Das knacken nahm sie mit einer Mischung aus Schreck und Zufriedenheit wahr. Der Lehrer rannte fluchend aus dem Klassenzimmer und war für ganze 3 Wochen nicht mehr gesehen und Charly, wiederum die Heldin bei ihren Mitschülern, die immer nur die taffe und unkaputtbare, starke Frau in ihr sahen. Doch wer Charly wirklich war, das zeigte sie keinem. Das wusste sie nur selber und behielt das auch wie einen kostbaren Schatz tief in sich verschlossen. Nur manchmal, wenn sie Nachts wieder wach lag und an ihre Mama dachte, an all die schönen Dinge, die so weit entfernt waren, als gehörten sie zu einem anderen Leben, zu einer anderen Person, dann brach es aus ihr heraus, dann zog sie ihre Beine ganz nah an ihre Brust, umklammerte das Kissen und lies den Tränen freien Lauf.

 

 

 

 

Charly zog nochmals kräftig an ihrer Zigarette, um sie gleich daraufhin in dem fast zum überlaufen gefüllten Aschenbecher auszudrücken. Sie stieß den Rauch durch ihre Zähne und merkte erst dann wieder, wie sie langsam aus ihren Erinnerungen ins hier und jetzt zurückkam. Ihre Hand zitterte ein wenig und obwohl es immer noch recht kühl war, spürte sie, das sich auf ihrer Stirn schweiß gebildet hatte. Sie wird damit leben müssen, mit dem allem. Es ist ihr Leben und es ist nun mal ein Teil von ihr, egal ob sie das wollte oder nicht. Das zu akzeptieren war ihre Aufgabe, um irgendwie eine Zukunft zu haben. Das wusste sie. Das wusste sie ganz genau.

 

 

 

Mit 18 war sie hierher zurückgekehrt, schlicht weil sie nicht wusste wohin sonst. Das Heim war Geschichte und einen gesetzlichen Vormund benötigte sie nicht mehr. Sie war stolz auf sich, hatte sie die Hölle in diesem Drecksloch von Heim doch tatsächlich überlebt, auch wenn Teile ihrer Seele für immer dort bleiben werden, so hatte sie es dennoch geschafft. Sie war klug und stark daraus hervorgegangen und wenn das Leben, nur mal ein wenig das Auge zudrücken würde und ihr ein bisschen Glück schenken würde, dann würde sie es auch noch zu was bringen. Ihr war klar das sie aus diesem Trailerpark raus musste. Das sie Arbeit brauchte um sich ein Leben aufzubauen. Sie wollte ein Leben und zwar ein richtiges mit allem drum und dran. Das hatte sie sich verdient, durch diese 8 Jahre lange Hölle. Sie glaubte fest daran, dass das Leben nicht nur scheiße zurückgibt, sondern auch Glück, man musste sich nur ordentlich bemühen und dazu war sie mehr als bereit. "Hast du Feuer!" Charly erschrak und stieß sich den Kopf an der Wand hinter sich an, so ruckartig machte sie einen Satz, samt Stuhl nach hinten. "Wa.wa..WAS!" stotterte sie in Richtung des unerkennbaren Schattens, der sich plötzlich von links kommend aufgetan hatte. Nur langsam erkannte sie eine Gestalt dahinter.

 

"Ob du Feuer hast, fragte ich?" sie erkannte ein Lächeln, schaltete aber trotzdem mit einem schnellen Handgriff die Außenbeleuchtung an. Charly erkannte einen recht unscheinbaren Mann, mittlerer Größe und reichte ihm ihr Feuer: "Sie haben mich ganz schön erschreckt, Mister. Ist jetzt auch nicht so die feine Art, sich an junge Frauen heranzuschleichen morgens um diese Zeit!" tadelte Charly den Mann. "Entschuldige, ich war auf Besuch hier einige Häuser weiter und bin aufm Heimweg. Natürlich hab ich mein Feuerzeug liegen lassen und sah, dass hier jemand sitzt und raucht! Ich wollte dich echt nicht erschrecken!" er nahm das Feuer entgegen und zündet sich seine Kippe an, um zugleich genüsslich den ersten Zug in den Morgenhimmel zu pusten. "Du hast Kaffee?" fragte er überrascht mit dem Blick auf Charlys Tasse. "Ja, für Schnaps ist es noch zu früh! Möchtest du auch einen?" die Ablenkung kam ihr irgendwie gerade recht. Die Gedanken hingen ihr noch schwer im Kopf und über etwas Smalltalk, würde sie sich gerade sehr freuen. "Wenn das möglich ist? Ja verdammt gerne!" antwortete der Mann rasch und Charly stand auf und drehte sich Richtung Türe. "Gut dann hole ich dir einen, wie heißt du eigentlich?" fragte sie ihn und wandte ihm den Rücken zu. "Ich bin Karl!" erwiderte er knapp und schroff, Charly gefiel der Ton nicht und wollte sich gerade umdrehen, als sie plötzlich einen harten Aufprall an ihrem Hinterkopf spürte. Sie wollte sich wehren, sie wollte sich umdrehen, doch ihr wurde schwindelig und plötzlich wurde alles nur noch kalt und dunkel..

 

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